"Es liegen im Wein allerdings produktivmachende Kräfte sehr bedeutender Art; aber es kommt dabei alles auf Zustände und Zeit und Stunde an, und was dem einen nützet, schadet dem Anderen."


Johann Wolfgang Goethe

Wein-Degustations-Datenbank
Vermerke meiner Weinverkostungen der letzten 10 Jahre.
X_VINO_new.pdf
PDF-Dokument [80.4 KB]

Eine Vorspeise


Sattwerden fällt im Allgemeinen
nicht schwer, Genießen hingegen
ist eine Kunst,
die ihren Höhepunkt in der
Vorspeise findet.

So besteht der Genuß keinesfalls
in der Sättigung, gar ist diese
vernünftiger Weise noch nicht
einmal angestrebt.

Wer schon satt ist, zeigt sich weiteren
Genüssen gegenüber verschlossen.
Der erste Eindruck ist der prägnanteste,
liegt im Vorspiel doch die Kraft der
Verführung all jener Köstlichkeiten
verborgen, deren Offenbarwerdung zur
Verliebtheit führen kann.

Und ist es gar sehr reizend, geht man
nicht gerne zum nächsten Gang über,
man möchte verweilen, die Zeit
anhalten, die Nacht
zu seinem eigen machen.

Wird es wieder hell, ist es der Geschmack
der Vorspeise, der entzückt, denn das
Hauptgericht ist nun längst kalt geworden
und der Appetit vergangen; es sei denn
es bahnte sich eine weitere Vorspeise an!

 



Hauptgericht

Sanft liegt noch die Vorspeise
auf der Zunge, da kommt mit Getöse
serviert in einer geschwinden Art
das Hauptgericht zu Tisch.

Dies ist keine Zusammenkunft
nach jedermanns Geschmack,
wem die prickelnde Neugier des
Unbekannten nicht reizt, der läßt
es ohnehin bleiben.

Nur wer offen für Neues, auf der
Suche nach einer noch süßeren
Frucht sich befindet, nur der
kann es lieben lernen.

Eröffnet wird die Versuchung, die
ohne Furcht, es könne Ekel erregen
verschlungen werden muß;
erst dann fällt das Urteil.

Oft ist danach ein Weltbild
zerstört, der puren Lust geopfert.




Nachtisch

Das Danach bietet Zeit zum
Nachdenken.
Stille ist nun eingekehrt, man zündet
sich eine Zigarette an.

Oft kommen Gedanken über das
was ist, wo man steht, wie weit man
gekommen und ob der Weg so weit
der Richtige war.

Ungewißheit plagt einen, diese Stille
sie bringt Unruhe - innerlich.
Zerissenheit und unbefriedigte
Sehnsüchte kochen über, Haßgefühle
sich selbst verachtend.

Was man auch hatte, es ist leer
bedeutungslos, ziellos.
Abhilfe kommt jetzt nur durch
Selbsttätigkeit, getrieben
vom sinnlichen Geist.

 



© Lüder Grosser